Die Entwicklung von Plagwitz ist von Höhen und Tiefen geprägt. Dem Industriellen Carl Erdmann Heine ist es in erster Linie zu verdanken, dass Plagwitz in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Gründerzeit-Boom erlebt. Heine initiiert den Bau des später nach ihm benannten Kanals mit dem Ziel, Leipzig und Hamburg auf dem Wasserweg zu verbinden. Zwar ist dieser Plan nie zu Ende geführt worden, der Bau des Karl-Heine-Kanals wirkt damals aber trotzdem als Katalysator der Industrieansiedlung.Nach etwa 60 Jahren sind die Entwicklungspotentiale jedoch weitgehend ausgeschöpft. Grund und Boden werden knapp.
Obgleich kriegsbedingte Zerstörungen gering sind, kann Plagwitz nach dem zweiten Weltkrieg zunächst nicht an die Erfolgsgeschichte des 19. Jahrhunderts anknüpfen.
Das völlige Aus kommt mit der Wende. 90 % der Unternehmen haben praktisch keine Chancen mehr auf dem Weltmarkt. Die meisten müssen Insolvenz anmelden bzw. werden „abgewickelt“. Wohnen in Plagwitz ist unzumutbar geworden.
Links: Blick in Richtung Weißenfelser Brücke, Stelzenhaus
Zu DDR-Zeiten wird er als Abwasserkanal missbraucht und stellt eine extreme Umweltbelastung dar. Heute schlägt hier wieder das Herz von Plagwitz: Entlang des Karl-Heine-Kanals erstreckt sich auf 7,5 km ein Rad- und Wanderweg, der bei schönem Wetter alle Bevölkerungsschichten anzieht. Freizeitskipper fahren mit ihren Booten über den Kanal oder die Weiße Elster und Touristen schließen sich einer der zahlreich angebotenen Rundfahrten an.
Betrachtet man heute die vielen wieder hergestellten Gebäude der Industriearchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, fällt insbesondere der Detailreichtum der Fassadengestaltung auf. Unterschiedlich farbige Klinker, manchmal auch abgesetzt durch Elbsandstein, gliedern die Achsen, betonen den Fensterrhythmus und geben den Gebäuden ein individuelles Gesicht.
Stelzenhaus
Weißenfelser Straße 65, 04229 Leipzig 1937 - 1939
A.: Sanierung 2001/02 durch Weis & Volkmann
Das Stelzenhaus beherbergte einst ein Wellblechwalzwerk und eine Verzinkerei. Als in den 1930er Jahren die Grundstücke knapp werden, rückt man den Neubau sehr nahe an den Karl-Heine-Kanal heran und stellt ihn auf 101 Betonstelzen. Die Architekten Weis & Volkmann haben das Gebäude 2001 - 2002 umgebaut und selber ihr Büro hier eingerichtet. Daneben gibt es weitere Ateliers und Wohnungen sowie ein Restaurant.
Die unmittelbare Nähe von Wohnen und Arbeiten, die immer schon typisch war für Plagwitz, wird wieder belebt. Nur dass heute statt der sozial schlechter gestellten Arbeiterschicht junge Menschen mit gutem Einkommen und alternativen Wohnvorstellungen auf ihre Kosten kommen.
Die ehemaligen Buntgarnwerke am Ufer der Elster gelten als eines der größten Industriedenkmale der Gründerzeit in Deutschland. Nach einer umfangreichen Sanierung befinden sich heute exklusive Lofts, Büros und Praxen darin.
Konsumzentrale
Industriestraße 85-95 04229 Leipzig 1929 - 1932 A.: Fritz Höger
Die Blüte von Plagwitz ist bereits Geschichte, als in den Jahren 1929 bis 33 an der Industriestraße die Konsumzentrale errichtet wird. Konsumgenossenschaften sollten durch gemeinschaftlichen Ein- und Verkauf besonders die sozial schwächere Bevölkerung unterstützen.
Fritz Höger, der bereits einige Jahre zuvor mit dem Chilehaus in Hamburg ein Zeichen expressionistischer Architektur gesetzt hatte, folgt mit diesem Gebäude durchaus der örtlichen Tradition des Klinkerbaus. Die stromlinienförmige Architektur des Baukörpers erinnert auch in Leipzig an den Schiffbau. Bemerkenswert sind unter den sorgsam geplanten Details die so genannten „Schüsselglas-Scheiben“.
Selbst im Inneren wecken die Farbe der Wandfliesen, Messingbeschläge oder der große „Treppenpoller“ Assoziationen an Wasser, Weite und Beständigkeit.
Plagwitz hat den Wandel fast geschafft. Noch gibt es aber genug zu tun, das zeigt der Blick hinter die Kulissen oder in Seitenstraßen.
Eine besondere Metamorphose erfährt derzeit die alte Baumwollspinnerei. Nach dem Rückbau der Produktion waren die 23 Einzelgebäude seit Anfang der 1990er Jahre zunächst dem Leerstand preisgegeben. Mittlerweile entwickeln sich dort durch geschickte Moderation die unterschiedlichsten Nutzungen. Künstlerateliers und Galerien entstehen neben Werkstätten und Büros. Wenn man der derzeit weltweit beachteten Malerei der Neuen Leipziger Schule eine Adresse geben wollte, dann ist sie hier in dem riesigen Klinkerensemble der Spinnerei zu verorten.
Eine gewisse Morbidität gehört in Plagwitz zum Milieu. Wahrscheinlich ist es aber gerade sie, die nicht nur einen eigenen Charme verleiht, sondern diesem Ort den unverwechselbaren Charakter gibt.
Eine Fahrt auf dem Karl-Heine-Kanal und auf der Weißen Elster? Einblicke in die großartige Konsumzentrale von Fritz Höger? Oder ein wenig Luft der Baumwollspinnerei schnuppern? Dann schauen Sie doch einfach mal in unsere DVD! Für nur 19,95 können Sie sie hier bestellen.
› Diese Seitenzahlen verweisen auf das jeweilige Objekt im Buch „LEIPZIG Architektur von der Romanik bis zur Gegenwart“