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Hochhausfassade
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Museum Brandhorst

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(kfl) „Wir brauchen kein Logo und keinen Slogan. Wir haben die farbige Fassade. Sie steht für das Haus, sie spricht für das Haus und sie wirbt auch für das Haus.“ Treffender hätte Professor Reinhold Baumstark, ehemaliger Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, das neue, knapp 50 Millionen Euro teure Museum für die Sammlung Udo und Anette Brandhorst im Rahmen einer Pressevorbesichtigung im Herbst 2008 kaum beschreiben können. Eine Haut aus 36 000 farbigen Keramikstäben bildet die äußere Hülle des Kunstraumes und wird damit selber zum Kunstwerk. Im Inneren nimmt sich die Architektur zurück und folgt der Philosophie des „white cube“. Mit dem ökologisch und technologisch wegweisend konzipierten Gebäude wird ein weiterer Mosaikstein des Münchner Museumsareals um die drei Pinakotheken geschlossen.
 
Das "Logo"
Fassade zur Türkenstraße
„Gut Ding will Weile haben“ sagt der Volksmund. Das gilt oft genug besonders in der Architektur. Bereits 1992 entwickelte der Münchner Architekt und Erbauer der Pinakothek der Moderne Stephan Braunfels einen Masterplan für das Museumsareal in der Münchner Maxvorstadt. Davon existiert bislang lediglich der erste Bauabschnitt des Museums. Die L-förmige Ergänzung als Blockrandbebauung an der südlichen Türken- und entlang der Gabelsbergerstraße ist seit Jahren überfällig. Mit der Sammlung Brandhorst konnte die nordöstliche Ecke des Kunstareals nun gefasst werden, wodurch auch ein neuer Zugang entstand. Allerdings kam Braunfels als Architekt (entgegen der ursprünglichen Planung) hier nicht zum Zuge, da sich die Stifter, Anette und Udo Brandhorst gegen ihn ausgesprochen hatte. Braunfels verlor Mitte des Jahres deswegen eine Millionenklage wegen Schadenersatz, die er gegen den Freistaat angestrengt hatte.
 
Lückenschluss
36 000 Keramikstäbe bilden die markante Fassade

 Die schalldämmende Doppelfassade

Die Bescheidenheit des Entwurfes erschließt sich dem Betrachter jedoch noch nicht von außen. Im Gegenteil. Der kubische Baukörper besteht aus einem gegenüber der Straßenkante um acht Meter zugunsten einer Baumreihe zurückversetzten 98 Meter langen und 18 Meter breiten Langbau und einem an der Ecke Theresien-/Türkenstraße leicht auskragenden erhöhten Kopfbau. In diesem Kopfbau befindet sich der verglaste Eingang mit dem Foyer, Café und einem Buchladen. Markant ist alleine die polychrome Fassade, die wie ein abstraktes Gemälde wirkt und ein absoluter Eyecatcher ist. Dass die Architekten Farbe in der Fassadengestaltung beherrschen, haben sie schon mehrfach unter Beweis gestellt, demnächst in München wieder mit dem Neubau der ADAC-Zentrale. In der Sammlung Brandhorst gliedern farbig glasierte, vertikale Keramikstäbe mit einer Breite von 4 cm und einer Länge von 1,10 Metern das Gebäude in drei Abschnitte. Von dunkel über mittel bis hell entstanden aus 23 verschiedenen Farben drei Bereiche, die auf unterschiedliche Nutzungen hinweisen. In der Bewegung am Gebäude vorbei erscheint die Fassade in der Schrägansicht zunächst massiv und geschlossen. Je frontaler der Blick auf die Stäbe gerichtet ist, öffnet sich die Haut zusehends und wird transparent. Dies ist keine optische Spielerei, sondern eine Konsequenz aus den Anforderungen an den Schallschutz. Hinter den Stäben befindet sich nämlich eine zweite Schicht aus horizontal gefaltetem Lochblech, die als Resorptionsfläche dient. Zwischen den Volumen verläuft ein horizontales Glasband, das über ein raffiniertes Lichtlenksystem Tageslicht in die Ausstellungsräume spiegelt.
 
36 000 Keramikstäbe setzen ein Markenzeichen
Ansicht zur Türkenstraße 

The "white cube" 

Das Feuerwerk an Farben reduzieren die Architekten im Inneren radikal auf weiße Wände und einen hellen Dielenboden aus dänischer Eiche. Der Boden sei das einzige architektonische Element, das im Raum wirke, betont Louisa Hutton bei einem Rundgang durch das neue Haus. Sonst gäbe es nur die Kunst. Diese besteht vorwiegend aus Arbeiten auf Papier und Gemälden von Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts. Werke der Klassischen Moderne von Cy Twombly über Andy Warhol, Jean Michel Basquiat, Bruce Nauman bis zu Sigmar Polke, Mario Merz und anderen. Nur ein Teil der über 700 Werke umfassenden Sammlung wird im neuen Haus auf 3 200 Quadratmetern ausgestellt. Allerdings im Rotationsprinzip, damit die Besucher immer wieder Neues entdecken können. Die Abfolge und Größe der Galerien lässt eine flexible Nutzung zu. Allein der 450 Quadratmeter große und neun Meter hohe Saal im Kopfbau widmet sich einem bestimmten Werk: Cy Twomblys „Schlacht von Lepanto“. Die Bildfolge erzählt in 12 Sequenzen die vielleicht bedeutendste und blutigste Seeschlacht der Geschichte, als 1571 eine Allianz aus spanischen, venezianischen und päpstlichen Truppen die Osmanen bezwangen. Die annähernd ovale Ausformung des Raumes an der Nordseite lässt die Bilder als Panorama wirken, in dessen Zentrum der Betrachter quasi mitten im Geschehen steht. Die Bilder hängen derzeit noch im Prado in Madrid. Mit diesem Raum setzt das Museum Brandhorst die Tradition der Pinakotheken von Klenze über Branca bis Braunfels fort, in denen es jeweils einen großen Raum als Herzstück und Höhepunkt gibt.
 
The "white cube"
Ein Fenster als Kunstwerk
Für die wenigen Plastiken und Skulpturen schufen die Architekten eine Quergalerie, die über ein großes Fenster belichtet wird. Der Außenbezug entspannt beim Rundgang durch das Haus, erlaubt aber auch, da im Erdgeschoss gelegen, einen Einblick von außen. Gut platziert ist auch ein an der Südwest-Ecke gelegenes Panoramafenster in der Lounge, das den Blick freigibt auf die Pinakothek der Moderne und die geplante „Piazza“. Im Zentrum des Gebäudes erschließt eine mächtige mit Eichenholz verkleidete Funktionstreppe die drei Ausstellungsebenen.
 
Ein Fenster wird zum Kunstobjekt
Das Lichtlenksystem So wenig spektakulär die innere Raumgestaltung ist, so innovativ ist das, was man kaum oder gar nicht sieht. Dazu zählen insbesondere das Lichtkonzept und die Energieversorgung. Zu mehr als der Hälfte der Öffnungszeiten genügt nach ersten Berechnungen das einfallende Tageslicht zur Belichtung aus. Während im Obergeschoss das Licht durch Oberlichter direkt in die Räume gelangt, entwickelten die Planer für das Erdgeschoss ein raffiniertes Lichtleitsystem, das helles Zenithlicht einfängt und über parabolische Umlenker gleichmäßig im Raum verteilt. „Lebendiges Licht“ nennen die Architekten dieses System, das einerseits eine gleichmäßige Ausleuchtung sicherstellt, andererseits jedoch äußere, wetterbedingte Lichtschwankungen auch im Inneren spüren lässt. Selbst der große Patio im Souterrain wird mittels Oberlichtern erhellt.
 
Mit einem Lichtleitsystem wird das Licht über Oberlichter direkt in die Räume gelenkt
Neben funktionalen Anforderungen stellt die Energiebilanz heutzutage ein entscheidendes Qualitätsmerkmal in der Architektur dar. Hier setzt das Museum neue Maßstäbe. 50 Prozent der thermischen Energie und 26 Prozent der elektrischen Energie sollen gegenüber herkömmlicher Technik eingespart werden können. Das entspricht umgerechnet einer Reduktion um 356 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr. Erreicht wird dies u. a.  mit einer Grundwasserwärmepumpe, die nicht nur die hohen innerstädtischen Grundwassertemperaturen in München ausnutzt, sondern zusätzlich den Wärmehaushalt des Grundwassers an dieser Stelle korrigiert. Alle Fußböden und die meisten Wände durchzieht ein System aus wasserführenden Rohren, das für eine gleichmäßige Erwärmung der jeweiligen Bauteile sorgt. Diese Bauteilaktivierung und die hohe Speichermasse garantieren eine hohe Temperaturstabilität.
 
Schon jetzt wird deutlich, dass dieses Museum, entgegen dem Trend anderenorts, eine angenehme Zurückhaltung an den Tag legt, ohne banal oder gar langweilig zu sein. Schließlich sind es nicht vordergründige Formenspielereien, die gute Architektur auszeichnen, sondern die sinnfällige Verknüpfung funktionaler, technischer sowie ästhetischer Anforderungen mit einem angemessenen Einsatz an Mitteln.

Weitere Bilder vom Museum Brandhorst können Sie gerne bestellen bei mail@architektur-und-medien.de.

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