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Hochhausfassade
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Besucherzentrum der
KZ-Gedenkstätte Dachau

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(kfl) Kein Haus wollten sie bauen, sondern einen Ort schaffen, eine offene Struktur, ein Angebot für die vielen Besucher aus Nah und Fern. Florian Nagler, Architekt des neuen Besucherzentrums der KZ-Gedenkstätte Dachau, beschreibt den Leitgedanken des Gebäudes. Mehr als 800 000 Gäste aus aller Welt besichtigen jährlich das ehemalige Konzentrationslager im Osten Dachaus, Tendenz steigend. Ende April wurde das neue Gebäude von Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle durch eine symbolische Schlüsselübergabe an Ministerpräsident Horst Seehofer seiner Bestimmung übergeben. Damit endete nach fast vierjähriger Planungs- und Bauzeit ein jahrzehntelanges Provisorium aus Containern, das für diesen Ort unwürdig war.
 
In einem ersten Bauabschnitt wurde anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers im April 2005 der Zugang zum Gelände neu geordnet. Betraten die Besucher früher von der Bundesstraße aus unvermittelt den ehemaligen Appellplatz, erfolgt der Zugang nun über das so genannte „Jourhaus“, den historischen Lagereingang und zeichnet damit den ursprünglichen Weg der Häftlinge nach. Auf einem „Weg des Erinnerns“, vorbei an der Lagermauer, kann sich der Besucher einstimmen und erhält auf Infotafeln einen ersten Überblick über das Gelände der Gedenkstätte und die noch sichtbaren Spuren aus der Zeit des Konzentrationslagers.
 
Weg des Erinnerns
Anhand von Plänen, Fotografien und kurzen Erläuterungen lernt er den Aufbau des Lagers kennen. Der Weg führt mitten durch die beiden ehemaligen Bereiche des Lagergeländes. Das eigentliche Konzentrationslager mit Häftlingslager, Krematorien, Lagerkommandantur und Wachunterkünften östlich und das SS-Übungslager mit Kasernen und Schulungsräumen der SS westlich Richtung Stadt gelegen. Am Kreuzungspunkt der beiden heutigen Verkehrsströme aus der Stadt und vom Besucherparkplatz, befindet sich der neue Servicebereich mit Information, Cafeteria, Toiletten und Buchladen. 4,7 Millionen Euro hat das neue Besucherzentrum gekostet.

„Es ist natürlich ein ganz besonderer Ort hier“ sagt Architekt Florian Nagler mit Respekt vor der gegenüber liegenden traumatisch besetzten KZ-Gedenkstätte.

Das neue Besucherzentrum liegt am Kreuzungspunkt zweier Verkehrsströme
„Für uns war die wichtigste Frage: Wie geht man mit der Situation um, dass das neue Besucherzentrum nicht das wichtigste Gebäude der Gedenkstätte ist?“ Die Antwort der Architekten überzeugt. In Anlehnung an das im Laufe der Jahrzehnte an dieser Stelle wuchernde Unterholz haben sie einen Ort geschaffen, der von außen an diesen Wildwuchs erinnert und sich damit gestalterisch zurücknimmt.
 
Wie geht man mit der Situation um, dass das neue Besucherzentrum nicht das wichtigste Gebäude der Gedenkstätte ist?
460 grau lasierte, sägerauhe Fassadenstützen aus deutscher und französischer Douglasie und noch einmal 189 Stützen im Innenraum tragen das Dach. Der natürlichen Baumstruktur ähnlich stehen sie nicht alle senkrecht, sondern sind mehr oder weniger geneigt. Das lockert die Fassade nicht nur optisch auf, sondern vermeidet auch horizontalen Schub. Das einfallende Sonnenlicht erzeugt sowohl im Inneren wie in den Atrien ein ständig wechselndes, lebendiges Licht- und Schattenspiel. Im Laufe der Zeit wird das Gebäude wohl zu einem integralen Bestandteil der Gehölzgruppe und damit noch weiter in den Hintergrund rücken.
 
Die leicht geneigten Fassadenstützen folgen auch statischen Erfordernissen
Je mehr man sich dem Gebäude nähert, desto transparenter wird es. Bewirkt die Schrägansicht noch einen relativ geschlossenen, ja manchmal sogar abweisenden Eindruck, öffnet sich die Fassade zusehends, je näher man dem Eingangshof kommt und senkrecht davor steht. Drei Atrien lösen den 36 Meter im Quadrat messenden Flachbau auf, dienen der Belichtung aber auch dem geschützten Aufenthalt im Freien. Der größte dieser Innenhöfe kanalisiert am Eingang geschickt die Zugänge aus beiden Richtungen. Er dient zusätzlich als geschützter und schattiger Aufenthaltsbereich im Sommer. Von hier gelangt man entweder geradeaus ins Foyer zum Infocenter oder rechts in den neuen Buchladen.
 
Das Gebäude öffnet sich, je näher man kommt
Das helle Foyer kann auch als Veranstaltungsraum für bis zu 120 Personen genutzt werden. An der Infotheke sind die beliebten Audioguides erhältlich. Hier bekommen die Besucher vom freundlichen Servicepersonal auch Antworten auf alle Fragen. Und das sind nicht wenige, denn mehr als die Hälfte der Besucher sind Individualreisende. Sie kommen aus fast 160 Ländern der Erde mit ganz unterschiedlichen Vorkenntnissen hierher. Für Dr. Gabriele Hammermann, die seit Anfang dieses Jahres die KZ-Gedenkstätte leitet, geht damit ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung. Die Provisorien waren nicht nur ein Ärgernis für die Besucher, sondern auch eine enorme Belastung für das Personal.
 
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