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Faszination Bionik

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Die Intelligenz der Schöpfung

(kfl) Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist eine Offenbarung – und eine Herausforderung zugleich. Es leitet an, wieder einmal genauer hinzusehen, so wie wir es als Kinder gewohnt waren, um diese neue Welt für uns zu erforschen. Und es fordert zum „Tüfteln und Träumen“ auf, der biologischen Evolution all das abzuschauen, was sich dort seit Jahrmillionen bestens bewährt hat.

Bionik ist ein Silbensubstrat aus den Wörtern Biologie und Technik. Sie bezeichnet eine Querschnittswissenschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Natur als Lehrmeister (wieder) zu entdecken. Die Erkenntnisse der Autoren sind so provokativ wie deutlich:

  • Heutige Technologien sehen hausbacken aus gegenüber der gewitzten Originalität der biologischen Systeme
     
  • Wir können uns offenbar schwer vorstellen, dass uns die Natur zur Lösung komplexer Probleme realistische Anregungen bieten kann
     
  • Die Industrienationen hätten viel Zeit und Geld sparen können, wenn sie vorher mal bei der Natur nachgeschaut hätten

Ansätze für weit reichende Denkanstöße gibt es genug. Wir erfahren, dass eine Schweitzer Flötistin Musik nicht nur hört, sondern auch schmecken kann. Wunderbar, wenn man sich Mozart oder Bach im wahrsten Sinne des Wortes „auf der Zunge zergehen lassen“ kann!

Nicht alleine Querbezüge zwischen biologischen Systemen und den von Menschen geschaffenen Konstruktionen erzeugen immer wieder aufs Neue ein „Aha“-Erlebnis. Wir erfahren auch, warum die Natur selbst in Sachen Management und Organisation dem Menschen weit überlegen ist. Nehmen wir nur einmal den Löwen, der nicht umsonst als „König der Tiere“ bezeichnet wird und als Symbol für Macht, Führungsstärke und Souveränität gilt. Was steckt dahinter? Die Autoren bringen es auf den Punkt. Ein Löwe lebt nach drei Grundsätzen:
  • Tue möglichst wenig selbst..
  • Lasse nur Profis für dich arbeiten.
  • Wenn es drauf ankommt, zeige Stärke.

Die konsequente Anwendung dieser „Lebensphilosophie“ ermöglicht ihm ein ruhiges, ausgeglichenes und entspanntes Leben. In der Ruhe liegt die Kraft. Damit kennt er sich aus und ist ein Meister des „Management by Walking around“. Könnte es sein, dass sich der Löwe dadurch nicht nur ausgesprochen Ressourcen-schonend verhält sondern gleichzeitig auch weit besser organisiert ist als so mancher betriebsame Zeitgenosse in unseren Führungsetagen? Schon Frederik Vester wusste die Natur als Erfolgsunternehmen zu schätzen, das „in Millionen von Jahren noch nicht pleite gemacht hat“.

 Was dies alles mit Architektur zu tun hat, fragen Sie?

Abstrakt gesprochen besteht doch eine der größten Herausforderungen darin, „ein Ziel mit möglichst geringem Aufwand an Material und Energie zu erreichen“. Damit sind natürlich auch die Architekten gefragt, denn es kann nicht sein, dass Bauen immer mehr von bürokratischen „Herausforderungen“ bestimmt wird, statt dass wir die Baupläne der Natur studieren. Architekten sind aufgefordert, funktionale Zusammenhänge biologischer Systeme zu analysieren und sie als Vorbilder ihrer eigenen Kreativität zu nutzen. Dazu sind wir eigentlich gut ausgebildet, denn die Rolle des Generalisten haben wir schon lange verinnerlicht. Zahlreiche Beispiele „bionischer“ Architektur aus der Vergangenheit verdeutlichen, dass das Thema nicht neu ist. Bereits vor über 150 Jahren nutzte Joseph Paxton die Riesenseerose als Vorbild der Tragstruktur für den Entwurf des Kristallpalastes der Weltausstellung 1851 in London. Eero Saarinen lehnte sich bezeichnender Weise beim TWA-Terminal des John F. Kennedy-Airports in New York an die Gestalt eines Vogels an. Ob Münchner Olympiastadion, Opernhaus in Sydney oder Göran Pohls Eislaufhalle in Erfurt: Ideengeber war stets die Natur.

Der Goldene Schnitt gilt als ideale Proportion und Inbegriff der Ästhetik. Ist es Zufall, dass uns sein Seitenverhältnis so häufig in der Natur begegnet? Es sind jedoch nicht nur gestalterische und ästhetische Aspekte, die das Studium der Natur nahe legen. Die Natur verschwendet keine Ressourcen, daher finden wir gerade in konstruktiver Hinsicht dort die besten Vorbilder, nicht nur in der Architektur, auch beim Automobilbau oder in der Luftfahrt.

Wachsende Bedeutung haben intelligente klimatische Überlegungen und die Verwendung möglichst nachhaltiger Rohstoffe. Der ägyptische Architekt Kamal Ef Kafrawi verwendet bei der Planung der Universität des Scheichtums Qatar ein Lüftungssystem, das er den Termitenbauten abgeschaut hat. Windtürme sorgen selbst im heißen Wüstenklima für Frischluft. Oder betrachten wir knochenähnliche Tragkonstruktionen von Santiago Calatrava, die versuchen, mit einem Minimum an Material ein Maximum an Festigkeit zu erzielen.

Auch auf dem Gebiet selbstreinigender Oberflächen, sei es für Fassaden oder bei Farben, liefert uns die Natur eindrucksvolle Vorbilder. Wir müssen uns nur die Mühe machen, diese zu erkennen und für unsere Anforderungen zu adaptieren.

Dies ist sicher nicht nur ein Architekturbuch. Aber auf jeden Fall ein Buch, das ehrfürchtig macht und hilft, die Schöpfung „Mensch“ wieder an die Position zu rücken, die ihr gebührt, nämlich ein Teil der Natur zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn die Autoren vorsichtig andeuten, dass es „unweise“ sei, die lebenden Vorbilder nicht für eigenständige Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen, dann drückt dies eine Demut aus, die angesichts der vorgestellten Beispiele mehr als angemessen erscheint.
Kurt G. Blüchel und
Fredmund Malik
Faszination Bionik
Die Intelligenz der Schöpfung,
432 Seiten, über 500 Farbfotos
Großformat
Bionik Media GmbH, München
49,90 €
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Alle Abbildungen aus dem Buch Fazination Bionik - Die Intelligenz der Schöpfung.

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