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Julius Shulman

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Lichtzeichner aus Leidenschaft

(kfl) Amüsant dargestellt, charmant vermittelt, zuweilen schelmisch beschrieben und nicht ohne ein gehöriges Maß an Eitelkeit im Unterton. Julius Shulman, einer der berühmtesten Architekturfotografen des 20. Jahrhunderts, schüttet sein Füllhorn aus über 60 Jahre beruflicher Praxis.

Eine Karriere, die in den 30er Jahren in den USA mit einer „Westentaschenkamera“ begann, wurde initiiert durch schicksalhafte Begegnungen mit Richard Neutra und Rudolf M. Schindler. Die berühmten Architekten verhalfen Shulman zu den ersten Aufträgen und machten sowohl ihn selbst als auch die Architekten bekannt. In den 50er Jahren begegnete er Frank Lloyd Wright, der Shulmans fotografische Kompositionen sehr zu schätzen wusste. „Shulman, endlich mal ein Foto von einem, der verstanden hat, was ich aussagen will – du hast den Geist meines Entwurfes vollkommen durchdrungen“.

Besser kann man die Qualität seiner Bilder nicht beschreiben. Shulman verstand es, die Gestaltungsabsicht der Architekten ablesbar zu machen und damit den Geist des Ortes im Kopf des Betrachters wieder entstehen zu lassen. Dabei setzte er ein Gebäude nicht nur in Beziehung zur räumlichen Umgebung, auch die Wechselwirkung zwischen Mensch und Architektur ist ein Wesensmerkmal seiner Bilder. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die Aufnahme von «Case Study House Nr. 22», auf der jemand mit dem Fernglas von der Veranda über das Land blickt. Dies unterstreicht die grandiose Aussicht, die die Bewohner dieses Hauses genießen können.

Die Zeit des International Style war ein idealer Nährboden für Leute wie Shulman. Eine für damalige Verhältnisse revolutionäre Klarheit architektonischen Ausdrucks verlangte nach einer ebensolchen bildnerischen Darstellung. Shulman verstand es, Sehnsüchte zu wecken und durch eine perfekte Inszenierung aller Accessoires das Wesen eines Entwurfes auf den Punkt zu bringen. Neutra: „Ich bin begeistert davon, wie sehr deine Fotos meine Architektur respektieren.“ Andererseits erhielt sich Shulman stets seine Eigenständigkeit und machte sich nie zum Handlanger des Architekten. Von Neutra weiß man, dass er sehr bedacht darauf war, seine Wohnhäuser möglichst ohne jeden Einfluss der Bewohner ablichten zu lassen. Jegliches Mobiliar war zu entfernen. Mit Recht stellt Shulman in seiner Reflektion die Frage, ob Neutra tatsächlich „so kurzsichtig hinsichtlich des Potentials seiner eigenen Architektur“ sein konnte – und widersetzte sich seiner Anordnung.

Dieses Buch bietet mehr als nur einzigartiges bildnerisches Anschauungsmaterial. Es lässt den Leser auch hinter die Kulissen blicken und beschreibt kurzweilige Anekdoten aus der Begegnung mit den großen Architekten dieser Zeit. Shulman gibt auch Einblicke in den Entstehungsprozess seiner Bilder. Nicht immer ist auf den ersten Blick ablesbar, was den besonderen Reiz einer Aufnahme ausmacht. Der Autor erinnert sich detailliert an den Entstehungsprozess und erläutert den Einsatz von Licht und Schatten sowie die Wirkungsweise unterschiedlicher Filme und Objektive.

Es ist lehrreich zu sehen, wie sich der Autodidakt Shulman im Laufe seiner 60jährigen Fotografenkarriere weiterentwickelte und seine Bilder die Tiefe und Sinnhaftigkeit bekamen, für die er später bekannt wurde. Shulman arbeitete damals weder mit Wechselobjektiven, geschweige denn gab es Zoomobjektive. Den Bildern sieht man die im Laufe der Jahre gewachsene Ausrüstung an. So manches spätere Motiv ist ohne großformatige Fachkamera mit ihren diversen Justiermöglichkeiten des Objektivs kaum möglich. Umso beeindruckender ist die technische Qualität der meisten Aufnahmen, die selbst bei größeren Formaten absolut scharf sind. Damit wird das Buch auf unterhaltsame Art auch zu einem Workshop über die spezielle Kunstform Architekturfotografie.

Julius Shulman
Architektur und Fotografie
300 Seiten, englisch
Taschen Verlag, 1998
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